Ökologie des Regenwaldes


[Ökologie des Regenwaldes ]

[Bedeutung]


Der folgende Artikel entstammt auszugsweise dem Beitrag
„Genetische Vielfalt als Voraussetzung nachhaltigen Wirtschaftens
Das Beispiel des tropischen Waldökosystems“ (Joachim Milz, 2002),
der in: Ulrich Brand/Monika Kalcsics

Wem gehört die Natur?

Konflikte um genetische Ressourcen in Lateinamerika
Jahrbuch des Österreichischen Lateinamerika-Instituts. Band 5
Brandes&Apsel Verlag BmbH, Frankfurt 2002

veröffentlicht wurde.


Tropische Regenwälder sind neben der großen Artenvielfalt durch einen hohen Energieumsatz charakterisiert, der durch den permanenten Auf- und Abbau von organischer Substanz gewährleistet wird. Die stockwerkartige Struktur des Waldes führt zu einer optimalen Ausnutzung der einfallenden Strahlung. Die Artenzusammensetzung der Waldsysteme hängt dabei sowohl von den Ausgangsbedingungen wie Breitengrad, Bodenart, Hangneigung, Position zur Sonne und Niederschlagsmenge ab, als auch vom Alter des Systems. In einem durch den Menschen bereits veränderten Primärwald der Region Alto Beni in Bolivien wurden Untersuchungen über die Artenzusammensetzung der Baumvegetation durchgeführt. Die dabei erfassten Bäume ab einem Stammdurchmesser von 10 cm gehören zu 209 zum Teil noch nicht vollständig bestimmten Arten, die in 53 verschiedene botanischen Familien klassifiziert werden (Seidel 1995). Berücksichtigt man die gesamte Artenvielfalt, die im Laufe der Entwicklung eines Waldsystems vorkommt, dann erreicht diese mehrere hundert bis weit über tausend Arten.

Zum besseren Verständnis der Wichtigkeit genetischer Vielfalt in tropischen Ökosystemen ist es hilfreich, auf ihre Entwicklung und Organisation näher einzugehen.

Ein Waldökosystem kann als ein Organismus oder auch als Individuum betrachtet werden, das in komplexer Art und Weise mit allen seinen einzelnen Bestandteilen (die wiederum selbst Systeme darstellen) vernetzt ist. Vergleichbar mit der Metamorphose eines Insektes macht es dabei im Laufe seiner Entwicklung unterschiedliche Stadien durch, verändert seine Artenzusammensetzung und sein äußeres Erscheinungsbild, bis schließlich das erwachsene Individuum (der Primärwald) zu Tage tritt.

• Entsteht in einem geschlossenen Waldsystem eine Lichtung durch Rodung oder durch das Umstürzen eines Baumriesen, dann wird diese Lücke in kürzester Zeit durch sogenannte Pionierpflanzen wie Gräser, Kräuter und Büsche geschlossen werden. Es sind in der Regel Arten mit einem Lebenszyklus von wenigen Monaten bis zu einem Jahr. Viele unserer Grundnahrungspflanzen können in diese Gruppe eingeordnet werden wie z.B. Mais, Reis, Bohnen, Hirse u.a.m. Die Artenzusammensetzung hängt dabei von den Standortbedingungen und der vorausgegangenen Vegetation ab.

• Gleichzeitig mit diesen Pionieren keimen die Arten des Sekundärwaldsystems mit unterschiedlichem Lebenszyklus, die während eines bestimmten Zeitraumes das äußere Erscheinungsbild des Waldes prägen (Phasen der Metamorphose). Dabei können Sekundärwaldformationen mit kurzem Zyklus (bis zu 2 Jahren), mittlerem Zyklus (bis zu 15 Jahren) und langem Zyklus (bis zu 80 Jahren) grob unterschieden werden . Viele der bekannten Nutzpflanzen lassen sich hier einordnen, wie z.B., Straucherbse ( Cajanus cajan ), Maniok , Ananas, Papaya, Maracuya, Pfeffer, Bananen, Avocado, Orangen u.v.a.m.

• Bereits zusammen mit den Pionieren und den Arten des Sekundärwaldes keimen auch die Arten des Primärwaldes mit einem Lebenszyklus von mehr als 100 Jahren. Zu den bekanntesten Kulturpflanzen hierbei zählen Kakao, Kaffee, Kokosnuss, Mango, Jackfruit, Gummi, Amazonasnuss (Paranuss) ferner Baumarten wie Mahagoni u.v.a.m.

Jede Phase der „Metamorphose“ ist bedingt durch die ihre vorausgegangene Entwicklung und determiniert ihrerseits wiederum den nächsten Entwicklungsschritt. Im Schutz der Pioniere wachsen gemeinsam die verschiedenen Artengemeinschaften der unterschiedlichen Sekundärwaldformationen, bis diese schließlich durch die Primarwaldarten dominiert werden. Jede Entwicklungsetappe ist Voraussetzung für die Eigendynamik des Gesamtsystems und trägt zu einer positiven Energiebilanz bei. Diejenigen Arten, die ihre Funktion im System erfüllt haben, werden resorbiert und fördern durch ihre organische Substanz den Energieumsatz. Da ein großer Teil des gesamten Süßwassers der Erde in lebenden Systemen organisiert ist, kommt der Vegetation neben den erwähnten energetischen Aspekten eine entscheidende Funktion im lokalen wie globalen Wasserhaushalt zu.

Lebende Systeme sind grundsätzlich durch eine große Dynamik geprägt und streben einer immer größeren Komplexität zu, die wiederum Voraussetzung für Fruchtbarkeit, positive Energiebilanz und Weiterentwicklung ist. Wie oben kurz angedeutet findet sich in jeder Entwicklungsphase des Waldökosystems Platz für eine Vielzahl unserer Kulturpflanzen, die bei korrektem Verständnis und Management von der Dynamik des Systems mitgetragen werden könnten.

Die Entwicklungsphasen solcher Waldsysteme vom „Kind“ zum erwachsenen Organismus dauern ca. 80 bis100 Jahre. Die Lebenserwartung des Organismus Ökosystem Wald kann insgesamt 400 bis 2000 Jahre betragen (was der Lebenserwartung einiger Baumarten entspricht) bis durch das Umstürzen alter Baumriesen und der Öffnung des Systems ein neuer Zyklus, wie oben beschrieben, beginnen kann. Sobald die Konsolidierung an Quantität und Qualität von Leben an einem bestimmten Standort erreicht ist, (was von den oben genannten Ausgangsbedingungen abhängt und in der Forstwirtschaft als Klimax bezeichnet wird) entstehen Bedingungen für neue, komplexere Lebensformen, aus denen heraus sich dann auch wieder neue Arten entwickeln können. Jede Komponente des Systems, jede Pflanzen- und Tierart füllt dabei eine bestimmte ökologische Nische aus und trägt so zur Optimierung des Gesamtsystems bei. Sobald ein Individuum nicht mehr zur Optimierung des Systems beiträgt oder es seine Funktion innerhalb des Systems erfüllt hat, wird es durch die Regulationsmechanismen (Kybernetik) eliminiert und resorbiert. Diese Erscheinungen werden aus unserer dualistischen Denkweise heraus als „Konkurrenz“ und „Kampf ums Überleben“ interpretiert. Hierbei wird deutlich, mit welchem Unverständnis wir der Funktionsweise natürlicher Systeme gegenübertreten (Götsch, E. 1996).

Der Organismus Wald benötigt für seine gesunde Entwicklung und zur Erfüllung seiner Funktion im gesamten Gefüge des Planeten Erde eine größtmögliche Komplexität in Form von Artenreichtum und genetischer Vielfalt.