Ökologie des Regenwaldes


[Bedeutung]

[Agrarproduktion]


Zur konventionellen Agrarproduktion

Der größte Teil der heute landwirtschaftlich genutzten Böden auf der Erde hat sich unter Waldökosystemen über Millionen von Jahren hinweg entwickelt (Limeux, 1996). In Lateinamerika werden große Flächen tropischer Waldgebiete durch Umwandlung in Agrarflächen und Holzausbeutung vernichtet. Davon betroffen ist nicht nur der Amazonaswald, sondern ebenso die großen Küstenwälder Brasiliens, Paraguays (Mata Atlántica) und Chiles sowie die Waldgebiete Zentralamerikas und Afrikas .

Die moderne Landwirtschaft hat durch die Mechanisierung und den Anbau von Monokulturen unter Einsatz von Herbiziden, Pestiziden sowie mineralischen Düngemitteln zu einem sehr schnellen Rückgang der Bodenfruchtbarkeit geführt. Auch die traditionelle Produktionsform vieler Kleinbauern des tropischen Tieflandes, die geprägt ist durch Brandrodung von kleinen Flächen mit darauffolgender Waldbrache, kann in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten werden. Der zunehmende Bevölkerungsdruck hat zu immer kürzeren Bracheperioden geführt, die nicht mehr ausreichend sind um die Bodenfruchtbarkeit in ausreichendem Maße wieder herzustellen. Die Folge sind Ertragsrückgang, Bodenerosion, Wassermangel und das Auftreten von Krankheiten und Schädlingen in den Kulturpflanzungen.

Zur Kultivierung neuer Flächen wird der Wald entweder maschinell gerodet oder manuell gefällt und anschließend abgebrannt. Letztere Methode praktizieren vor allem Kleinbauern. Das schnelle Freisetzen von Nährstoffen durch die Mineralisierung großer Mengen organischen Materials nach dem Abbrennen führt zunächst zu guten Erträgen während des ersten Anbaujahres (dies ist abhängig von der Bodenfruchtbarkeit des Standortes). Die Ertragsleistung nimmt jedoch schon im 2. Jahr stark ab, verbunden mit ansteigenden Produktionskosten durch höhere „Unkrautkonkurrenz“, Abnahme der Bodenfruchtbarkeit sowie dem Auftreten von Krankheiten und „Schädlingen“. Wenn eine Bewirtschaftung des Feldes nicht mehr rentabel ist, überlässt der Bauer die Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit der Natur, indem er die Fläche brach liegen lässt. Erst nach mehrjähriger Erholung durch die Entwicklung eines Sekundärwaldsystems und der Anreicherung von Energie in Form organischen Materials ist wieder ein gewisses Maß an Bodenfruchtbarkeit erreicht, was einen neuen Nutzungszyklus ermöglicht. Dieser wirft aber bereits weniger Erträge ab als der Erste und benötigt in der Folge eine wesentlich längere Regenerierungsphase, um das ursprüngliche Ausgangspotential an Bodenfruchtbarkeit wieder herzustellen.

Erstaunlicherweise erkennen viele Bauern dieser Regionen an, dass es die Natur selbst ist, die eine Bodenfruchtbarkeit wieder aufbaut, die sie vorher zerstört haben. Er beobachtet auch, dass auf den von ihm zerstörten Flächen sich nicht nur einige wenige Arten entwickeln sondern vielmehr ein großer Artenreichtum mit außerordentlich hoher Besatzdichte vorherrscht und kein Fleck Boden unbedeckt bleibt. Wie ist es nun aber möglich, dass diejenigen Pflanzen, die vorher noch als „ Un Kraut“ in den Kulturen bekämpft wurden, nun die Bodenfruchtbarkeit wieder herstellen und Krankheiten sowie „Schädlinge“ nicht mehr in dem Maße auftreten wie vorher in den Pflanzungen?

Weder der Landwirt noch die Wissenschaften, deren Weltbild nach wie vor durch den kartesianischen Mechanismus, das analytische Denken Descartes und die Newtonschen Mechanik geprägt ist, kann auf diese Fragen schlüssige Antworten geben. Lediglich einige wenige indigene Bevölkerungsgruppen, die sich noch als integralen Bestandteil des Systems betrachten und noch nicht durch unserer westliche Zivilisation absorbiert worden sind, verstehen und handeln nach der Logik der Natur (Götsch, E. 1995).

Die Aufspaltung der Agrarwissenschaften in eine große Anzahl von Fachgebieten wie Beispielsweise Bodenkunde, Pflanzenernährung, Phytomedizin und Pflanzenzüchtung verdeutlicht die Problematik der überwiegend rational analytischen Vorgehensweise dieses Wissenschaftszweiges. Im Blickfeld steht das Maximieren des Ertrages einzelner Kulturen, die aus ihrem ökologischen Kontext herausgelöst worden sind. Die vorherrschenden Werte unserer Gesellschaft wie Konkurrenz, Quantität und Expansion spiegeln auch die Vorgehensweise in der Agrarproduktion wieder. Im Blickfeld steht das Ausschalten von vermeintlichen Konkurrenten unserer Kulturpflanzen wie „Unkräuter“, „Schädlinge“ und Krankheiten. Durch züchterische und chemische Maßnahmen werden die Pflanzen an die Bedürfnisse des Menschen und seiner Maschinen angepasst (niedrig wüchsig, große Früchte, wenig Verzweigung etc.). Das komplexe Lebenssysteme Boden mit seinen unzähligen Organismen wird lediglich als Wurzelsubstrat angesehen und auf seine mineralischen und organischen Bestandteile reduziert, z.T. sogar durch synthetische Substrate ersetzt (Hydrokulturen). Die Produktionsplanung insgesamt orientiert sich nach den Marktgeschehnissen und strebt das kurzfristige Maximieren von Gewinn an. Ökologische Erfordernisse werden nicht berücksichtigt.

Von unserem dualistischen Denkansatz her können wir die durch diese Vorgehensweise verursachten Probleme wie „Unkrautkonkurrenz“, „Schädlingsdruck“, „Krankheiten“, erhöhte Anfälligkeit gegen Trockenheit, Wind etc. nicht einordnen. Wenn wir diese Erscheinungen jedoch vom Blickwinkel der „Seinsstrategie“ der Erde her betrachten, so haben diese die Funktion der Kybernetik zur Optimierung der Lebensprozesse in jedem einzelnen wie auch im Gesamtsystem. "Schädlinge" und Krankheiten schwächen zeitweilig oder eliminieren diejenigen Mitglieder eines Systems, die die Lebensprozesse in der Phase, in der sie vorkommen, nicht zu optimieren imstande sind. Dadurch schaffen sie Platz für andere, in dem entsprechendem Augenblick und der entsprechenden Situation effizientere Arten (letztere bezeichnen wir in Bezug auf unsere Pflanzungen - und dies bestätigt unser Unverständnis - als "Un-Kräuter") (Götsch, 1996).

„Es geht hier um Erscheinungen, die wir nicht isoliert durch ihre Bekämpfung oder Ausrottung lösen können; im Gegenteil: alle unsere bisherigen Bemühungen in dieser Richtung haben zur Verschlimmerung der Situation geführt. Leichte Krankheiten werden als Folge ihrer scheinbar erfolgreichen Bekämpfung durch schwere abgelöst, und "Schädlinge" werden resistent gegen unsere Maßnahmen. Bei weiterem Insistieren (z.B. auch durch Genmanipulation) enden wir im Zusammenbruch des Immunsystems des betroffenen Organismus. Auch die sogenannte "biologische Kontrolle" funktioniert nachhaltig nur in einem intakten System. „Schädlinge“ und ihre Gegner sind sich gegenseitig ergänzende Teile derselben Kraft eines polar aufgebauten Systems, dessen Seinsprinzip das "Sowohl - als - auch" ist. Sie sind untereinander sich ergänzende, sich beeinflussende und voneinander abhängige Einzelkräfte, die zur Optimierung des höheren Ganzen, des Gesamtorganismus hinwirken und hinstreben“ (Götsch, E. 1996).

Die von der Agrarwissenschaft entwickelten und propagierten Anbauformen haben eine Logik, die konträr ist zu der natürlichen Dynamik. Die herausragendsten Unterschiede sind:

•  Energieverbrauch (entropische Prozesse - Dekomplexifizierung) anstatt positiver Energiebilanz (syntropische Prozesse, Komplexifizierung);

•  Monokulturen anstelle von Artenvielfalt;

•  Statik statt Dynamik;

•  Konkurrenz anstelle von Synergie;

•  Maximierung anstelle von Optimierung;

•  Verarmung anstatt mehr an Fruchtbarkeit;

•  Wasserverbrauch anstatt Wasserproduktion;

Die durch Anwendung moderner Produktionstechniken vom „zivilisierten Menschen“ durchgeführten Interventionen in die Natur fordern diese heraus, regulierend einzugreifen, um Fehlentwicklungen zu korrigieren und um die notwendige Dynamik zur Aufrechterhaltung der natürlichen Lebensprozesse wieder in Gang zu bringen. Jeder Versuche, diese intelligenten Regulationsinstrumentarien der Natur zu bekämpfen und auszuschalten führen ihrerseits zu dem Einsatz von immer neuen und resistenteren Maßnahmen. Die moderne Agrarwissenschaft ist in diesem ständigen Kampf gegen die Natur gefangen und bezieht daraus einen großen Teil ihrer Existenzberechtigung. Der Kampf gegen die Natur ist letztendlich nichts anderes als ein Kampf gegen uns selbst. Ist das so schwer zu erkennen?

Literaturhinweis

Capra, Fritjof (1996): Das Lebensnetz: Scherz Verlag

Götsch, Ernst (1995): Break-Through in Agriculture: ASPTA, Rio de Janeiro

Götsch, Ernst (1996): nicht veröffentlichter Beitrag, DED Bolivien

Lemieux, Gilles (1996): „The hidden world that feeds us: the living soil“: Laval University – Department of Wood and Forestry Science, Quebec, Canada

Lovelock, James (1988): Das Gaia-Prinzip. Die Biographie unseres Planeten: Insel Verlag

Lovelock, James (1991): Gaia – Die Erde ist ein Lebewesen: Wilhelm Heyne Verlag, München

Milz, Joachim (1997): Guía para el Establecimiento de Sistemas Agroforestales en Alto Beni, Yucumo y Rurrenbaque – Bolivia: Servicio Alemán de Cooperación Social-Técnica (DED), Laz Paz – Bolivia

chauberger, Viktor in: Coats, Callum (1999): Naturenergien verstehen und nutzen, Viktor Schaubergers geniale Entdeckungen: Omega